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Mythos künstliche Intelligenz - Warum KI Musik komponieren, aber keine Bücher schreiben kann

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Screenshot aus dem Kurzfilm Sunspring

Leise brummend gleitet das Raumschiff durch das stille All. Der Astronaut H sitzt vor dem erloschenen Monitor und einer Legion Kontrollknöpfe, sein Blick weilt woanders. Langsam wandert seine Hand zum Bücherregal und öffnet es. Er findet was er zu suchen meinte: Er holt ein kleines Buch heraus mit schwarzen Umschlag und goldenen Lettern.

Der Astronaut beginnt zu blättern. Der leise Klang jeder einzelnen Seite, wie sie auf die nächste aufschlägt, übertönt die brummende Maschinerie des Raumschiffs. Die silbern und goldene Uniform fängt das Licht der Deckenlampen. Doch er findet im Buch nicht was er sucht. Er schlägt das Buch zu und dreht sich zu seiner Kollegin H2 um. Sie steht hinter ihm, sieht ihn nicht an und arbeitet an der Werkbank an einer Platine. Noch einmal holt er Luft, bevor er sie anspricht. «In einer Zukunft mit Massenarbeitslosigkeit sind junge Menschen gezwungen, Blut zu verkaufen».

Er lächelt sie an. Seine blauen Augen auf ihren Rücken gerichtet. «Das könnte ich tun.» Sie aber blickt nicht auf und arbeitet weiter. In Gold und Schwarz gehüllt. Ihre Hände werkeln weiter an der Platine, ihr Haar fällt ihr vor die Augen. «Du solltest den Jungen sehen und den Mund halten. Ich war diejenige, die 100 Jahre alt werden sollte.»

Kein Lächeln mehr auf seinen Lippen. Das Buch dreht er in seinen Händen. Das kleine schwarze Buch mit den goldenen Lettern «Sunspring».





(Beschreibung einer Szene aus dem Kurzfilm Sunspring; Bild: Screenshot)









 







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Interview Pascal Kaufmann, Starmind, 1
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Wohl kaum ein Buzzword war 2017 so präsent wie künstliche Intelligenz (KI beziehungsweise AI auf Englisch). Mit dem Begriff verbunden ist einerseits ein schier unvorstellbarer technologischer Fortschritt. Andererseits aber auch die Angst, dass eben dieser technologische Fortschritt dem Menschen sämtliche Jobs wegnehmen könnte.

Für jeden, der seinen Lebensunterhalt hinter dem Steuerrad eines Fahrzeugs verdient, ist die Zukunft bereits jetzt ungewiss. So kündigte der Taxi-Konkurrent Uber im November etwa an, 24'000 selbstfahrende Autos von Volvo zu erwerben. Damit wolle Uber eine Flotte fahrerloser Taxis aufbauen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete. 

Für manche gelten die kreativen Bereiche zwar als unantastbar. Kunst erfordere Inspiration und das sei noch immer die Domäne des Menschen – keine Maschine könne dies simulieren, sagen die Kritiker. Doch auch hier scheint die Bastion des Menschen zu bröckeln. Schuld ist ausgerechnet eine Erfindung aus der Schweiz: der Deep Artificial Composer.

Die KI wurde an der ETH Lausanne (EPFL) entwickelt und ist in der Lage, neue und originelle Melodien zu komponieren. Die KI greift dabei nicht auf eine Musiktheorie zurück, sondern auf eine grosse Datenbank von bestehenden Melodien. Ausgehend von diesem Training komponiert die KI selbst Folksongs, angelehnt an den irischen oder Klezmer Stil aus der Datenbank. Die KI erzeugt keine Audiodateien, sondern schriftlich notierte Musik. Diese Melodien spielten die EPFL-Forscher anschliessend auf dem Cello nach.



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(Quelle: EPFL)

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Aber auch in der schreibenden Zunft sollen KIs den Menschen bald Konkurrenz machen. Das besagt jedenfalls eine Studie des Future of Humanity Institute der Universität von Oxford sowie des Departments of Political Science der Yale-Universität. (Download als PDF-Datei). Mitte 2017 machte die Studie auch in den Schweizer Medien die Runde.

In ihrer Studie machen die Forscher diverse Vorhersagen, wann KI den Menschen in verschiedenen Bereichen übertreffen werde. Die Prognose, dass eine KI in den nächsten zwölf Jahren einen Popsong schreiben könne, der es in die US-amerikanischen Top-40-Charts schaffen könnte, scheint realistisch, wenn man die Erfolge der EPFL betrachtet.

Gemäss der Studie soll die Technologie bis 2026 auch so weit fortgeschritten sein, dass sie erfolgreich einen Schulaufsatz schreiben könnte. Und bis 2049 einen Roman oder eine Kurzgeschichte, die es auf die «New York Times»-Bestseller-Liste schaffen könnte.

Doch hat die KI in diesem Bereich noch einen sehr viel weiteren Weg zu gehen. Betrachtet man aktuelle Erzeugnisse, scheint es sogar fast schon fragwürdig, dass eine KI überhaupt je einen Bestseller schreiben könnte.

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Screenshot des Kurzfilms Sunspring

Zwischen den hölzernen Balken, die dem Raumschiff seine Struktur geben, sieht ein Dritter dem Astronauten und seiner Kollegin zu. Ein dunkler Anzug mit einem goldenen Kragen. Und ein gelbes Halstuch, das über Kragen und Brust hängt. Seine Hand auf das Holz gelegt, lauscht er den beiden.

Der Astronaut H resigniert, seine Schultern fallen zu Boden und sein Blick auf seine Knie. «Ich bin kein helles Licht.» Der Neuankömmling kündigt sich an: «Nun, ich muss zum Schädel gehen», sagt er mit einem Grinsen. Er hebt ein Tablet auf und kämpft gegen die Partikel an, die vom Tablet abstrahlen und sein Gesicht bombardieren. Er schüttelt die unangenehme Erfahrung ab.

H springt auf und reisst ihm das Tablet aus den Händen. Sein Moment des Triumphs weicht rasch dem Unverständnis, als er laut liest, was auf dem Tablet steht: «Also das kannst du mir nicht sagen.» C legt seine Hand auf H2s Schulter. «Weil du so schön bist», sagt er ihr. Sie lächelt ihn an.

«Ich weiss nicht, wovon du sprichst», sagt H von der Situation überrumpelt. «Das stimmt», spottet der Neuankömmling - sämtliche Heiterkeit ist aus seiner Stimme gewichen. «Was machst du?» fragt der Astronaut seine Kollegin. Sie spricht leise, jedes Wort einzeln, als stünde es als Satz für sich allein: «Ich will nicht ehrlich zu dir sein.»

«Du musst kein Arzt sein», fleht er sie an. «Ich weiss nicht, wovon du sprichst», lacht sie verlegen zurück. «Ich will dich auch sehen,» sagt H zögerlich. Leise, als wolle er seine eigene Stimme nicht hören. «Das Prinzip», beginnt er. Sein Blick sondert ihr Gesicht. Doch er kann ihr nicht verständlich machen, was sie verstehen muss. «Das Prinzip ist doch zugleich komplett konstruiert.»

Ihre Hand aber liegt auf Cs Arm; ihr Daumen streichelt sanft seinen Unterarm. Grinsend blickt der Neuankömmling auf den Astronauten hinab. 





(Beschreibung einer Szene aus dem Kurzfilm Sunspring; Bild: Screenshot)









 







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Der experimentelle Kurzfilm Sunspring entstand 2016. Das Drehbuch dazu schrieb eine KI. Zu diesem Zweck fütterten Filmemacher Oscar Sharp und der KI-Forscher Ross Goodwin ihre KI mit den Scripts dutzender Science-Fiction-Filme – darunter etwa 12 Monkeys (1995), The Matrix (1999), Star Wars (1977) und X-Men (2000). Ausgehend von diesem Training sowie den Anforderungen des Wettbewerbs sollte die KI ein eigenes Skript schreiben.

Das Resultat: Knapp 900 Wörter auf 4 Seiten verteilt – nur äusserst lose mit einer Handlung verknüpft. Die KI verfasste sämtliche Dialoge und Regieanweisungen für den Film. Und dazu auch noch ein paar Songtexte, die zum Soundtrack des Films wurden. Die KI vermochte zwar mehrheitlich grammatikalisch korrekte englische Sätze zu formen. Doch sind sie inhaltlich leer und ergeben keine zusammenhängende Geschichte.

Das Skript dreht sich um drei Personen, die sich auf einem Raumschiff befinden: H, H2 und C. In der Hauptrolle: Thomas Middleditch, bekannt aus der Serie Silicon Valley. Was wirklich geschieht in dem Film, ist nicht ganz klar und wohl offen für Interpretationen. Im Zentrum steht jedoch die Dreiecksbeziehung der drei Protagonisten. Obwohl «Sunspring» vom technischen Standpunkt betrachtet sehr unterhaltsam ist, ist das Drehbuch von einem Bestseller noch sehr weit entfernt.

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Screenshot aus dem Kurzfilm Sunspring

«Es wäre eine gute Zeit gewesen», brüllt der Astronaut, bevor er sich von dem Paar abwendet. «Ich denke ich hätte mein eigenes Leben sein können», ruft er sich selbst in Erinnerung. Sein Zorn lässt seinen Leib erbeben. Mit der Hand wischt er sich die Rage aus der Mimik. Gefasst, richtet er sich wieder auf. «Es mag nie verziehen werden», sagt er, sich langsam zum Paar drehend, «aber das ist doch wirklich zu Schade. Ich muss hier weg! Aber ich bin nicht frei von dieser Welt!»

«Vielleicht sollte ich übernehmen», sagt C und lässt H2 hinter sich alleine stehen. Er baut sich vor dem kleinen Astronauten auf, der ihm kaum bis zum Kinn reicht. Eine Tatsache, die H nicht bewusst zu sein scheint während er herausfordernd zu C hinaufblickt.

Ratlos blickt dieser zurück zu H2. «Ich werde nichts tun», sagt er ihr zögerlich. Vergeblich versucht er den Astronauten zu beschwichtigen. «Ich denke noch immer, dass du zurück auf dem Tisch sein könntest.» 

Doch H lässt sich nicht beruhigen. «Das ist etwas verdammt Verängstigtes zu sagen!», droht er ihm. «Nichts wird irgendetwas sein.» Immer kleiner wird der Abstand zwischen den beiden Männern. Hs Blick, steil hinauf gerichtet, lässt den Neuankömmling nicht mehr los. «Aber ich bin derjenige, der auf diesen Felsen gekommen ist. Mit einem Kind. Und dann liess ich die anderen beiden zurück.»

Ein Telefon, klingelnd, unterbricht den kleinen Astronauten.  





(Beschreibung einer Szene aus dem Kurzfilm Sunspring; Bild: Screenshot)









 







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Das Problem liegt darin, dass es allen KIs, die heute Verwendung finden, an Intelligenz mangelt.

Forschung und Technik unterscheiden zwischen einer sogenannten schwachen und starken KI. Eine starke KI soll in der Lage sein, wie ein Mensch zu denken; komplexe Sachverhalte selbstständig zu erfassen, zu verarbeiten und zu verstehen. Solch eine KI wäre durchaus in der Lage, einen Roman mit multiplen Handlungssträngen, Charakteren und einem soliden Plot zu ersinnen. Aber just diese Form von KI existiert nicht – oder zumindest noch nicht.

«Eine echte künstliche Intelligenz gibt es im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht», sagt Wolfgang Hildesheim, Watson & AI Innovation Leader bei IBM DACH. «Die sich derzeit im praktischen Einsatz befindlichen KI-Anwendungen sind alle der schwachen KI zuzuordnen.»

Im Gegensatz zu einer starken KI ist eine schwache KI nicht selbstständig. Statt menschliches Denken nachzuahmen, zielt eine schwache KI darauf ab, spezifische, jeweils klar definierte und eng begrenzte Probleme zu lösen und den Menschen so zu unterstützen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss eine schwache KI trainiert werden.

«Sie muss etwa mit Hundebildern gefüttert werden, um dann irgendwann mit einer sehr hohen Treffergenauigkeit – und dabei sprechen wir von weit über 90 Prozent – einen Hund als solchen erkennen zu können. Ganz egal, ob es ein Zwergdackel oder ein Dalmatiner ist», sagt Hildesheim.

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Daniel Bisig (ZHDK) und Tatsuo Unemi (SOKA University) im Gespräch.
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Diese Fähigkeit, aus Beispielen zu lernen, bezeichnet man als maschinelles Lernen. Dabei lernt ein System jedoch nicht einfach auswendig, was es in den Beispielen gesehen hat. Stattdessen erkennt es Muster und formuliert daraus allgemeingültige Gesetzmässigkeiten für sich selbst. So kann das System auch unbekannte Daten auf die gleiche Weise verarbeiten.

Für KI relevant ist auch das sogenannte Deep Learning – ein Teilbereich des maschinellen Lernens. Dabei werden künstliche neuronale Netze für KI-Lösung genutzt. Diese richten sich nach der Funktionsweise menschlicher Gehirne und sind hierarchisch aufgebaut.

Wie bedeutend dieses Training für den Erfolg einer KI ist, zeigt wieder das Musikbeispiel der EPFL. Um die gelungene Melodie zu komponieren, musste die KI zunächst unzählige bestehende Melodien analysieren.

Die EPFL liess die KI aber auch ohne Training komponieren. Die daraus resultierenden Stücke beschreiben die Forscher selbst jedoch als «nicht überzeugende Melodien». Tatsächlich gleicht das Resultat eher einer Aneinanderreihung von Tönen als einer Melodie.

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Quelle: EPFL

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Quelle: EPFL

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Diese Lernfähigkeit, die eine KI von einem gewöhnlichen Algorithmus abhebt, unterscheidet die KI aber zugleich auch von der menschlichen Intelligenz.

«Ein Mensch muss ja nicht zuerst Millionen von Katzenbildern sehen, um festzustellen, ob er nun eine Katze, einen Menschen, eine Kuh oder ein Haus vor sich hat», sagt Pascal Kaufmann, Gründer des Zürcher Unternehmens Starmind.

«Wenn man heutzutage von künstlicher Intelligenz spricht, dann meint man eigentlich bloss menschliche Intelligenz, die ein Programmierer in Source Code gepackt hat», sagt Kaufmann. «Das sind nur Erzeugnisse des menschlichen Geistes, die selbst aber keine weiteren Erzeugnisse hervorbringen können.»

Um die menschliche Intelligenz – die selbstständige Intelligenz – nachahmen zu können, wisse der Mensch zu wenig darüber, was Intelligenz eigentlich sei. Viele würden etwa Intelligenz mit Rechenleistung assoziieren: Wenn die Maschine nur schnell genug sei, werde sie automatisch intelligenter.

Ein Irrglaube, sagt Kaufmann. Schliesslich seien Prozessoren schon längst viel schneller als menschliche Gehirne. «Das ist so, wie wenn man sagt, ein Uhrwerk sei schneller als ein Gehirn. Hirnzellen feuern im Bereich von 10 bis 20 Hertz – der Computerchip in einem iPhone bewegt sich aber bereits im Bereich von Milliarden Hertz», sagt Kaufmann.

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Pascal Kaufmann, Starmind
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Für Kaufmann ist klar, dass der Vorzug der «Small-Data-Maschinen», wie er Menschen liebevoll nennt, ein anderer ist. Um eine menschenähnliche Intelligenz zu erreichen, müsse nicht die Leistung gesteigert werden, sondern die Kompetenz.

Gemeint ist etwa der Transfer von Know-how. Eine KI müsse vorhandenes Know-how auf unbekannte Situationen anwenden können und sich so auch in einer fremden Umgebung zurechtfinden. «Das ist für mich Intelligenz», sagt Kaufmann.

Ein Mensch, der gelernt habe, Schach zu spielen, könne etwa auch dann noch spielen, wenn er statt vor einem üblichen 8 x 8 Felder grossen Spielbrett plötzlich vor einem mit 10 x 10 Feldern sitze. Keine Maschine auf dieser Welt könne dem Menschen das nachmachen, sagt Kaufmann.

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Screenshot aus dem Kurzfilm Sunspring

Ein Telefon klingelt und der Astronaut fliegt einsam durchs Weltall. Die Sterne rasen hinter ihm zahlreich vorbei. Ratlos blickt er auf seine neuen Kleider hinab. Eine weisse Veste über ein schwarzes Hemd. Noch ratloser blickt er zur Seite und sieht sich selbst, wie er unter der Werkbank kauert.

Das Telefon klingelt erneut und H läuft zur Werkbank, um sich darauf zu setzen. Die Kamera ergreifend, lenkt er den Blick des Zuschauers auf sich und geht dann zurück zur Sternenwand. Das Telefon klingelt wieder, bevor er es endlich abnimmt und die Stimme H2s vernimmt. «Ich wollte dir nur sagen, dass ich viel besser war, als er tat.» Fassungslos stellt H fest, dass er gar keine Kamera in der Hand hält, mit der er die Perspektive des Zuschauers lenken könnte. Stattdessen greift seine Hand ins Leere.

«Ich musste ihn aufhalten und konnte nichts sagen», dringt H2s Stimme aus dem Gerät. Die Hand mit dem Handy sinkt zu Boden und der Astronaut erblickt die Schrotflinte, die an der Mauer festgeklebt wurde. Hastig schneidet er sie los, wirft das Klebeband durch die Luft – vage in Richtung der Werkbank. Kurz darauf inspiziert er die befreite Waffe in seiner Hand.

Langsam, behutsam, aber bestimmt, schiebt er den Lauf der Waffe in seinen Mund. 





(Beschreibung einer Szene aus dem Kurzfilm Sunspring; Bild: Screenshot)









 








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Im Gegensatz zu einem Buch mit komplexen Handlungssträngen und mehreren Charakteren ist Musik für eine KI leichter zu verstehen. Im Gegensatz zur Literatur basiert die instrumentale Musik auf gewissen mathematischen Grundregeln. Strukturen, die es einem Rechner leichter machen, melodisch von kakofonisch zu unterscheiden.

Es ist zwar denkbar, dass die Technologie eines Tages so weit fortgeschritten ist, dass sie eigene Bücher schreiben, eigene Musik komponieren und eigene Gemälde malen kann. Ein Künstler wäre die KI dennoch nicht, argumentieren die Experten.

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Daniel Bisig, ZHDK
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«Ich bezweifle, dass es die Motivation der KI sein wird, Kunst zu erschaffen, die für den Menschen eine Bedeutung hat», sagt Daniel Bisig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Computermusik und Sound-Technologie der ZHDK. «Ich glaube, die Beweggründe werden eher pragmatischer und ökonomischer Natur sein.»

So könne ein KI-Komponist etwa die Anzahl Musiker verringern, die man in einem Konzerthaus oder für eine Filmproduktion benötige. «Wenn man keine hohen Ansprüche an seine Filmmusik hat, könnte man die Aufgabe wohl einer KI anvertrauen», sagt Bisig.

Genau dann sei es aber keine Kunst, ergänzt Hideki Nakazawa. Der Künstler und Kunsthistoriker aus Japan arbeitet derzeit an einer Ausstellung zum Thema Kunst, KI und Ästhetik. Damit ein Gemälde ein Kunstwerk sei, müsse mehr dahinterstecken, als die Hoffnung auf eine Belohnung.

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v.l.: Tatsuo Unemi, Hideki Nakazawa und Daniel Bisig.







Zusammen mit Tatsuo Unemi (ganz links) und Daniel Bisig (ganz rechts).

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Sollte eine KI jedoch irgendwann tatsächlich Kunst um der Kunst willen produzieren, könnte der Mensch bereits vor dem nächsten Problem stehen. Schon jetzt seien die Handlungen einer KI für den Menschen nur schwer nachzuvollziehen, sagt Nakazawa.

Als Beispiel nennt er die KI Alphago Zero von Google. Diese meisterte das japanische Brettspiel Go und besiegte im Mai 2017 Ke Jie, den besten menschlichen Go-Spieler.

Anschliessend übertrumpfte Googles Alphazero im Schach die bisher beste Software Stockfish – mit 28 Siegen, 72 Remis und 0 Niederlagen. Die unterlegene Software Stockfish, die auch schon einige Siege gegen renommierte menschliche Spieler erringen konnte, wird von vielen Profis zu Trainingszwecken genutzt.

Die Art, wie diese KIs spielten, könnte vom Menschen gar nicht mehr verstanden werden, sagt Nakazawa. Genau so sei es auch, wenn eine KI ein Kunstwerk um der Kunst willen kreieren würde: für den Menschen unverständlich. Zumindest auf den ersten Blick.

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Tatsuo Unemi, Hideki Nakazawa und Daniel Bisig.
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Was wäre dann die Rolle des Menschen, sollte er sich je an von KI geschaffene Kunst gewöhnen? «Konsument», antwortet Bisig sogleich. Tatsuo Unemi, Dekan an der SOKA-Universität in Tokio, sieht jedoch noch mehr auf den Menschen zukommen.

Die Rolle des Menschen wäre dann vergleichbar mit der eines Kurators oder des Leiters einer Kunstschule. Weg von der direkten Erschaffung von Kunst und mehr hin zu einer lenkenden, führenden Rolle für die kreative KI, welche die Kunst kreiert.

«Dummerweise lässt sich Kreativität extrem leicht imitieren», sagt Kaufmann von Starmind. «Wenn man einem Elefanten einen Pinsel an den Rüssel hängt, malt er sicher ein hübsches Bild. Und auch ein Zufallsgenerator kann eine schöne Blume zeichnen.» 

Kaufmann von Starmind will daher noch einen Schritt weiter gehen. «Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir eines Tages künstliche Menschen bauen können», sagt er. Der Mensch werde einer neuen künstlichen Spezies Leben einhauchen. Eine künstliche Intelligenz in einem künstlichen Hirn in einem künstlichen Wesen. «Für mich ist das der natürliche Gang der Evolution.»

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Pascal Kaufmann, Starmind
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Für den Menschen sei es wichtig, sich dieser Entwicklung anzupassen. «Wir müssen quasi Cyborgs werden und eine Symbiose mit der Technologie eingehen, damit wir überhaupt eine Chance haben in dieser hochtechnologisierten Welt», sagt Kaufmann.

Ein neues Menschenbild werde entstehen «und das ist eine gute Entwicklung!», sagt er. «Andernfalls würden wir als Spezies wohl irrelevant werden.»

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Tatsuo Unemi, SOKA University
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Vielleicht werden wir in Zukunft wirklich mit unserer Technologie verschmelzen. Vielleicht werden wir die Kuratoren einer Kunstschule voller emsiger KIs sein. Oder vielleicht stehen wir nur fragend vor deren Werke, die wir nicht verstehen.

Doch es mag auch sein, dass wir bloss darauf warten, dass eine Vision Gestalt annimmt, die nie mehr als ein Traum beziehungsweise ein Albtraum in den Köpfen vieler war. Eines jedoch ist gewiss: Das nächste Mal, wenn eine Studie KI-Bestseller und KI-Popsongs prophezeit oder Medien davon ausgehend Panik verbreiten, sollte man sich wohl sogleich die Frage stellen:

Wie intelligent ist die künstliche Intelligenz eigentlich schon?

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Screenshot aus dem Kurzfilm Sunspring

Den Lauf der Waffe zwischen den Zähnen, fällt sein Blick zu Boden. Ein dunkles Loch im Flur fängt seinen Blick wieder auf. Durch die Öffnung sieht er C wie er reglos auf dem Boden liegt. Nun steht H über ihm, ein vollgepackter Rucksack hängt von seiner Schulter. Er sieht zur Tür hinter ihm, doch diese fällt zu, gerade als er die Hand danach ausstreckt.

Der kleine Astronaut steht da. Der einzige helle Fleck im dunklen Raum. Er dreht sich zurück zum leblosen Körper von C und streift seinen Rucksack von der Schulter, bevor er eine Flasche daraus hervorholt. Alle Kraft weicht von seinen Knien und er sackt in sich zusammen – die Flasche mit beiden Händen ergreifend. Schluchzend und heulend hockt er über dem stillen Körper Cs. Mit der rechten Hand versucht er die Welt vor seinem Blick zu verbergen. Und dann wischt er die Tränen aus seinen Augen.

Seine Kollegin – ganz allein – spricht zu sich selbst. Sie versichert sich, dass sie das richtige tat. Und eine einsame Träne bahnt sich einen Weg über ihre Wange, als sie darin versagt. Ein Schluchzen unterbricht ihren Wortfluss und eine erfreuliche Erinnerung kaschiert die Träne hinter einem Lächeln. Bis die Realität der Gegenwart sie wieder einholt.

«Aber ich werde ihn wiedersehen, sobald er zu mir kommt», sagt sie, die Fassung wiedergewinnend, die sie mit den nächsten Worten sogleich wieder verliert. «Er sieht mich an und wirft mich wieder aus seinen Augen.» Die nächste Träne in ihren Augen. Diese rollt unangefochten über ihre Wange. «Und dann sagt er, dass er mit mir zu Bett gehen werde.»





(Beschreibung einer Szene aus dem Kurzfilm Sunspring; Bild: Screenshot)








 









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Text, Bilder und Videos: Coen Kaat
Tonaufnahmen des Deep Artificial Composer: EPFL
Screenshots aus Sunspring: Youtube

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